Das war doch erst gestern…

54, 74, 90, 2006

Lautstark singen Millionen von Fußball-Fans die WM-Hymne der Sportfreunde Stiller mit, um sie herum ein schwarz-rot-goldenes Farbenmeer. Deutschland 2006: ein Sommermärchen. Während der vierwöchigen Fußball-Weltmeisterschaft ist das Land im kollektiven Freuden- und Partytaumel. Zwischen Flensburg und Freiburg können alle Kickerbegeisterten, die keins der begehrten Tickets zu den Spielen ergattert haben, die Partien auf Großbildleinwänden verfolgen – Public Viewing ist geboren und sorgt auf Plätzen und Straßen für Volksfeststimmung. Die Nationalmannschaft um Jürgen Klinsmann wird frenetisch gefeiert, wo auch immer sie hinkommt. Wer erinnert sich nicht an die Bilder von Polizisten, die den durchfahrenden Teambus mit La-Ola-Welle vom Straßenrand her begrüßen? Oder an die Zehntausenden von Fans, die nach dem WM-Ende in Berlin der deutschen Elf zujubeln? War das nicht erst gestern? Seitdem sind schon fast vier Jahre vergangen, und die nächste WM steht vor der Tür: „54, 74, 90, 2010 – werden wir Weltmeister sein.”

Darstellung einer analogen UhrÄhnlich ergeht es uns auch mit vielen anderen bewegenden Ereignissen aus der Vergangenheit: dem Mauerfall 1989, dem Doppelsieg von Steffi Graf und Boris Becker in Wimbledon im selben Jahr, der Euro-Einführung 2002 oder dem – vorläufigen – Abschied von Michael Schumacher aus dem Rennsport 2006. Fragt man im Bekanntenkreis, wie lange diese Momente zurückliegen, glauben viele, es sei erst vor Kurzem gewesen. „Schon so lange her? Kaum zu glauben“, lautet die häufige Reaktion, wenn die Befragten die richtige Jahreszahl genannt bekommen. Warum aber empfinden wir so? Wie lässt es sich erklären, dass vergangene Ereignisse in den Köpfen der Menschen oft so aktuell sind?

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Die Zeit vergeht mit konstanter Geschwindigkeit. Ganz anders sieht es jedoch mit dem Zeitgefühl aus. Wenn wir etwas Schönes, Spannendes erleben, vergeht die Zeit – rein subjektiv natürlich – viel schneller. Schon Albert Einstein, Begründer der Relativitätstheorie, erkannte, dass die Zeit-Wahrnehmung je nach Situation sehr unterschiedlich ist: „Fünf Minuten vergehen wie im Fluge, sitzt man mit seiner Liebsten zusammen – aber auf dem Zahnarztstuhl dehnen sie sich ewig lang.“ Eine weitere häufige Beobachtung: Je älter jemand ist, desto schneller scheint für ihn die Zeit zu verrinnen. Einige Forscher gehen davon aus, dass sich das Zeitgefühl proportional zur Anzahl neuer Ereignisse im Leben verhält. Eine einwöchige Urlaubsreise bleibt in der Regel besser in Erinnerung als sieben Tage zu Hause. Hat jemand jedoch viele interessante Momente wie tolle Reisen erlebt – und das haben ältere Menschen meist häufiger als jüngere –, so bekommt das einzelne Ereignis weniger Gewicht und die Zeit scheint damit schneller zu vergehen.

Vergessen und Erinnern liegen manchmal nah beieinander: Italien hat die WM 2006 gewonnen? Das hat der ein oder andere Nicht-Italiener sicher schnell verdrängt. Das deutsche Sommermärchen jedoch wird für die Menschen, die dabei gewesen sind, noch lange präsent sein.

Morgen kommt schneller, als man denkt

Was aber bedeutet es für unsere Zukunft, wenn es uns so vorkommt, als seien Ereignisse, die vor Jahren stattgefunden haben, erst vor Kurzem passiert? Die Antwort: Wenn die letzten drei Jahrzehnte wie im Fluge vergangen sind, werden auch die nächsten schneller Realität sein, als wir jetzt wahrhaben wollen. Was das Morgen im Einzelnen bringt, wissen wir heute noch nicht. Eines ist jedoch sicher: Gerade in finanziellen Fragen sollten wir wichtige Entscheidungen nicht auf morgen vertagen. Ob sinkende Rentenniveaus oder steigende Inflationsraten – wer sich allein auf Vater Staat verlässt, könnte es später bitter bereuen.

Weniger Rente vom Staat

In den vergangenen Jahren wurde das gesetzliche Rentensystem erheblich beschnitten. Die Anhebung des Renteneintrittsalters und die Erhöhung der Beitragssätze zeigen, dass es um das Altersgeld vom Staat nicht gut bestellt ist. Die Studie „Gesetzliche und Private Altersvorsorge. Risiko und Rendite im Vergleich” des Deutschen Instituts für Altersvorsorge rechnet vor, wie der Wertzuwachs der staatlichen Rente über die Jahre gesunken ist. So verringerten sich die Renditeerwartungen für ledige westdeutsche Durchschnittsverdiener zwischen 1970 und 2007 nominal um fünf bis sechs Prozentpunkte. Kein Wunder, dass laut aktueller Studien rund 80 Prozent der Befragten auch in Zukunft Einnahmeausfälle bei der gesetzlichen Rente erwarten.

Steigende Preise für Güter

Zudem sagen viele Experten für die kommenden Jahre deutlich steigende Inflationsraten voraus. Ein Grund hierfür: die horrenden Konjunkturpakete, die die Staaten im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise schnürten. Selbst wenn man lediglich von einer moderaten Inflationsrate von jährlich zwei Prozent ausgeht, hat dies schon dramatische Auswirkungen. Beispiel Rente: Heute liegt das staatliche Standard-Ruhegeld bei rund 1.210 Euro. Dieser Betrag hat in 30 Jahren unter Einbeziehung der Inflationsrate nur noch einen Wert von 668 Euro. Denn die Waren werden wesentlich teurer sein. Kostet ein VW-Golf im Jahr 2010 rund 16.650 Euro, so wird es 2040 schon fast das Doppelte sein. Über einen langen Zeitraum entwickelt die Inflation eine mächtige Kraft: Wer in 30 Jahren über die heutige Kaufkraft von 1.000 Euro verfügen möchte, benötigt dann rund 1.800 Euro.

Langer Atem zahlt sich aus

Der Staat kann die Probleme bei der gesetzlichen Rente im besten Fall nur noch abmildern. Mit der staatlich geförderten Riester- und Rürup-Rente hat die Politik eingeräumt, dass das gesetzliche Ruhegeld den Lebensstandard im Alter nicht sichern kann. Private Vorsorge ist ein Muss – sei es mit Riester- und Rürup-Verträgen, anderen privaten Rentenversicherungen, Fondssparplänen oder Kapitallebensversicherungen. Und die lohnt auch in wirtschaftlich unruhigen Zeiten. So erklärt Prof. Meinhard Miegel, Vorstand der Stiftung Denkwerk Zukunft: „Während sich die Kaufkraft der gesetzlichen Rente seit Anfang der 1980er-Jahre zunächst nicht erhöht und seit einiger Zeit sogar vermindert hat, hat sich beispielsweise der Wert deutscher Anlagen – trotz herber Rückschläge seit Anfang 2008 – real reichlich vervierfacht. Kapitalfundierte Altersvorsorge hat sich also gelohnt, und sie lohnt sich weiter.”

Dabei zahlt sich ein langer Atem aus: So konnte der Deutsche Aktienindex (Dax) in den letzten 30 Jahren einen Wertzuwachs von rund 1.215 Prozent verzeichnen. Und wer etwa monatlich 100 Euro in einen Sparplan einzahlt, erhält bei einer angenommenen Verzinsung von vier Prozent in 30 Jahren rund 68.750 Euro. Fängt er nur ein Jahr früher an zu sparen, macht dies ein Plus von fast 4.000 Euro aus – dem Zinseszins-Effekt sei Dank. Jetzt ist also die Zeit, die Vorsorgeinitiative zu ergreifen. Denn die Zukunft kommt schneller, als wir heute glauben.

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