Ich habe extreme Situationen gemeistert.
Einmal so cool sein wie Joachim Löw? Mit der richtigen Strategie ist das selbst in stressigen Situationen kein Problem. Hier verrät der Fussball-Bundestrainer sein Geheimrezept.
„Herr Löw, sind Sie so cool, oder tun Sie nur so?“
Diese Frage stellte mir ein Journalist bei der Asienreise der Nationalelf im Mai. In den vergangenen Jahren habe ich gelernt, mit Stress umzugehen. Geholfen haben mir extreme Situationen, die ich durchlebt und problemlos bewältigt habe. Eine Weltmeisterschaft im eigenen Lande ist natürlich für ein Trainerteam ganz erheblicher Stress. Auch vor dem Europameisterschaftsspiel gegen Österreich herrschte 2008 eine besondere Stresssituation: Wir mussten gewinnen, um nicht auszuscheiden. Ich habe mir verschiedene Strategien zur Stressbewältigung angeeignet. Je brisanter die Situation, umso mehr fokussiere ich mich auf die eigentliche Aufgabe. Ich habe oft erlebt, dass es Trainern oder Führungskräften nicht gelingt, in entscheidenden Phasen die wichtigen von den unwichtigen Dingen zu trennen. In Stresssituationen muss man vermeiden, sich mit neuen, zusätzlichen Problemfeldern zu beschäftigen, und sich auf das Wesentliche konzentrieren.
Daneben habe ich eine positive Herangehensweise. Negativ-Strategien lege ich mir nur zurecht für Dinge, die während der Problemlösung auftauchen können. Beispiel: Ich überlege mir vor entscheidenden Spielen, wie wir reagieren, wenn wir in Rückstand geraten. Ich überlege mir nie, was passiert, wenn wir das Spiel verlieren. Die Spieler würden merken, wenn die Trainer nicht hundertprozentig überzeugt sind, das Problem lösen zu können.
Tatsächlich cool
Für mich ist auch eine entsprechende körperliche Voraussetzung wichtig. Ich brauche bei stressigen Turnieren Sporteinheiten, bei denen ich mich erholen und vorbereiten kann. Man muss sich wohlfühlen, um Stress zu begegnen. Dazu gehört für mich auch ein Rückzugsgebiet, ein Raum, in dem ich nicht gestört werde und mich konzentrieren kann. Stress lässt sich nicht in Großraumbüros oder Hotels bewältigen, wo man sich beobachtet fühlt. Diese Bereiche habe ich mir über die Jahre hinweg angeeignet – und ich bin sicher, dass diese Art der Stressbewältigung auch übertragbar ist. Konzentration, positives Denken, Fitness, Ruhe: Das gibt mir persönliche Gelassenheit.
Übrigens weiß der eingangs erwähnte Journalist nach unserem Gespräch inzwischen, dass ich nicht so tue, sondern tatsächlich relativ cool bin.
