Brot aus Gift rettet die Welt
Es sieht aus wie ein ganz normales Feld …
… voller Kohlköpfe. Doch Kohl ist nicht gleich Kohl, das weiß man hier im norddeutschen Marne nur zu gut. Zwar gedeiht das Gemüse im Dithmarscher Land überall prächtig, aber die Ernte dieses Ackers wandert nicht in den Kochtopf. Die runden Dinger sind das Ergebnis jahrelanger Züchtungsarbeit – und die Ahnen zukünftiger Kohlgenerationen. Denn die Forscher bei einem der größten Kohlzuchtspezialisten Europas kreuzen, säen und beobachten den Superkohl für morgen.
Eines der Zauberwörter lautet Hybridzüchtung. Der Trick: Die Forscher züchten Pflanzenlinien, die über Generationen nur mit sich selbst bestäubt werden. Das Ergebnis ist Grünzeug, das kümmerlich aussieht und noch kümmerlichere Erträge bringt. Doch kreuzt man zwei solcher Inzucht-Linien miteinander, entsteht eine sogenannte Hybride – und deren Saatgut ist extrem ergiebig. Zwar kennen Züchter diese Technik schon lange, aber angesichts der großen Hoffnungen, die mit der grünen Gentechnik verknüpft sind, geriet die Hybridforschung ins Hintertreffen.
Doch nun sieht es nach einer Renaissance aus. Ein Grund sind neue Softwareprogramme und mathematische Modelle, die die Forschung unterstützen können. Statt mühsam herumzuprobieren, könnten die Wissenschaftler so spezielle Prozesse besser voraussagen. Professor Albrecht E. Melchinger von der Universität Hohenheim hält „Ertragssteigerungen um 30 bis 70 Prozent – und das ohne Gentechnik“ bei vielen Kulturpflanzen für möglich.
Dennoch: Viele Experten setzen auf genetisch veränderte Nutzpflanzen. Können diese den Hunger in der Welt besiegen? Die Zeit drängt: Schon 2050 könnten auf der Erde neun Milliarden Menschen leben, zwei Milliarden mehr als heute. Zudem verschlechtern sich die klimatischen Bedingungen in vielen Regionen. Laut Weltgesundheitsorganisation müssten sich die Erträge von Mais, Weizen, Reis und Kartoffeln in den kommenden 40 Jahren verdoppeln, um die steigende Weltbevölkerung zu ernähren. Dazu sei jedoch eine zweite grüne Revolution erforderlich. Die erste sorgte vor 40 Jahren dafür, dass die Ernten aufgrund neuer Dünger oder Pestizide anstiegen.
Doch dieses Konzept ist ausgereizt. Die Gentechnik scheint ein Ausweg – und ruft viele Kritiker auf den Plan. Zu wenig seien die Folgen der Genmanipulation an Pflanzen und Nahrungsmitteln für Umwelt und Gesundheit erforscht. Außerdem habe sie den Hunger auf der Welt bislang kaum bekämpfen können. Ein Kritikpunkt, den auch Befürworter einräumen müssen. Einer der Gründe: Gentechnisch veränderte Pflanzen wurden bisher meist für die industrialisierte Landwirtschaft gezüchtet. Für die vielen Kleinbauern in Asien und Afrika jedoch ist neues Saatgut unerschwinglich. Doch gerade diese Landwirte müssten ihre Ernten steigern, um sich selbst und die Bevölkerung vor Ort versorgen zu können. Die meisten Experten halten daher eine Neuausrichtung, nicht aber eine Abkehr von der grünen Genforschung für wichtig. „Es ist glasklar, dass die Gentechnik eine nützliche Methode ist“, sagt Prof. Bernd Müller-Röber vom Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie.
Baumwolle fürs Brot
So tüfteln beispielsweise Wissenschaftler am Internationalen Reisforschungsinstitut auf den Philippinen an einem Turbo-Reis. Sein Vorteil: Während andere Pflanzen bei der Photosynthese, also der Umwandlung von Sonnenlicht in chemische Energie, rund 30 Prozent der Kraft verlieren, ist seine Energieausbeute wesentlich höher. Damit bräuchten die Superkörner viel weniger Wasser, weniger Nährstoffe und brächten mehr Ertrag.
Dagegen haben US-Wissenschaftler statt Reis die Baumwolle im Visier. Ihnen ist es gelungen, Baumwollsamen essbar zu machen. Normalerweise enthalten diese ein Gift, das bei den meisten Lebewesen schwere Herz- und Leberschäden verursacht. Die Forscher konnten jedoch das Gift in den Körnchen ausschalten. Allein die bereits heute angebaute Menge Baumwolle birgt nach Angaben der Wissenschaftler genügend Proteine, um 500 Millionen Menschen ernähren zu können. Wenn die Behörden die Genehmigung zur kommerziellen Nutzung erteilen, könnten schon bald Baumwollbrote aus den veränderten Samen auf den Esstischen landen – und neben Hybridkohl oder Super-Reis den Hunger der wachsenden Weltbevölkerung stillen.
