Schweine im Hochhaus
Das Frühstücksei kommt von den Hennen im vierten Stock
…, der Salat fürs Mittagessen wächst vor dem Schlafzimmerfenster, und die Forellen fürs Abendessen fischt man kurzerhand aus einem Wasserbecken in der Eingangshalle. Was wie ein Traum vom Landleben klingt, soll demnächst für Stadtbewohner Realität werden. Zumindest, wenn es nach Dickson Despommier von der New Yorker Columbia-Universität geht. Der Umweltprofessor hat mit seinen Studenten das Prinzip des vertikalen Bauernhofs erfunden. Wenn ihre Vision wahr wird, leben und arbeiten Menschen in den Millionenmetropolen dieser Welt bald in gläsernen Wolkenkratzern – unter einem Dach mit Hühnern, Schweinen, Obst- und Gemüseplantagen. Die Tiere würden mit Pflanzenresten gefüttert, aus dem Tiermist wiederum würde Dünger gewonnen. Das ist noch nicht alles an grünen Ideen: Auf den Gebäuden liefern Windturbinen umweltfreundlichen Strom, Solarzellen an der Hauswand versorgen Salat- und Gemüsebeete im Haus mit Licht, und das Trinkwasser wird in einem geschlossenen Kreislauf im Gebäude wiederaufbereitet.
Nur als Selbstversorger werden wir überleben
Mit dieser Farm von morgen wollen die Wissenschaftler gleich mehrere drängende Probleme aus der Welt schaffen. Zum einen schont es Umwelt und Klima, wenn Fleisch, Gemüse und Co. in greifbarer Nähe zu den Verbrauchern produziert werden, statt mit Lkws und Flugzeugen Hunderte oder Tausende von Kilom
etern herangeschafft zu werden. Schon heute leben 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, bis zum Jahr 2030 werden es 80 Prozent sein. Des pommier sieht nur eine Chance für die Menschen in den Megacitys der Zukunft, sich mit hochwertiger Nahrung zu versorgen: „Wir müssen wieder Selbstversorger werden, wenn wir überleben wollen.“ Zum Zweiten könnte der vertikale Bauernhof die Lösung für den Nahrungsmangel in vielen Teilen des Globus liefern. Dieser, erwarten Experten, wird sich künftig durch das explosionsartige Bevölkerungswachstum noch verschlimmern. Despommier warnt: „Wir bräuchten die Fläche von Brasilien, um bis 2050 drei Milliarden Menschen mehr zu ernähren.“ Doch zusätzliches Ackerland lässt sich nicht aus dem Hut zaubern. Da klingt es verlockend, die Landwirtschaft platzsparend in die Höhe statt in die Breite zu treiben. Um 50.000 Menschen zu ernähren, bräuchte man einen Turm mit 30 Stockwerken und lediglich einer Grundfläche von der Größe eines halben Fußballfeldes. Weitere Vorteile des Anbaus im Haus: Er wäre unabhängig von Jahreszeiten, Missernten durch Unwetter oder Schädlingsplagen.
